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Fiktives Filmplakat mit dem Titel "Unter einer Haube" mit schwarzer Pickelhaube und Blumenschmuck.

Folge 2: Unter einer Haube

Mentalitäten

Im Hause NRW spielen sich Szenen einer Ehe ab. Unter der preußischen Pickelhaube treffen unterschiedliche Traditionen und Mentalitäten aufeinander: Westfälische Sturheit und rheinischer Frohsinn ziehen sich mal an und stoßen sich mal ab.

Es ist die Geschichte einer vorsichtigen Annäherung, von Heimat und Identität – ohne Drehbuch und Regisseur, aber mit Darstellern, die Kultstatus genießen wie der Kölsche Jeck oder der Münsterländer Kiepenkerl. Prädikat: wertvoll.


Brauchtum


 

 

 

Jeder Jeck ist anders. Aber selbst Karnevalisten organisieren sich jetzt in Vereinen. Ordnung muss sein. Das gilt auch für die Schützen-, die Gesangs- oder die Sportvereine. Brauchtum ist zu pflegen, aber bitte nach festen Regeln!


Schützenumzug im Kreis Warendorf | Karl Franz Klose © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Identität


 

 

 

 

Das Bewusstsein einer rheinischen und einer westfälischen Identität wächst. Preußen sei Dank! Umso lieber werden die Eigenarten gepflegt. Der Kiepenkerl und der Karnevalsjeck repräsentieren mehr als nur ihre engere Heimat.


Kiepenkerl und Jeck, Collage: Maximilian Hänisch | © gemeinfrei/Mönsterlänner Kiepenkiärls, Meerschke un Tüötten e.V.

Schmelztiegel


Das Ruhrgebiet wird zum Schmelztiegel. Auf der Suche nach Arbeit ziehen Menschen aus den landwirtschaftlichen Regionen des Reiches und der Nachbarländer hierher. Es entsteht ein besonderes Arbeitsethos, das die Menschen verbindet und ihr Zusammenleben prägt.


Bergarbeiter bei der Pause | © Verein für Bergbau-, Industrie- und Sozialgeschichte Dorsten e.V.


Jeck (Hauptrolle)


Lebensdaten: damals – heute
Geburtsort: Rheinland
Nationalität: Rheinländer
Gelernter Beruf: Allrounder
Rollen: Ernsthafter Spaßvogel, Kritiker

Viele verbinden den Jeck nur mit seiner Paraderolle in Köln, dabei ist sein Wirkungskreis bedeutend größer: Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil ist er keine kölsche Eigenart. Jecken und Narren treten überall auf, und im Karneval tritt der Geck zum Beispiel im westfälischen Delbrücker Land als Karnevalist und nicht als eitler Narr oder Verrückter auf wie zu anderen Zeiten des Jahres. Die Idee zum dortigen Karnevalsverein wird 1832 realisiert, als sich einige „Unmünner“ zum Verein zusammenschließen. Jecken und Unmünner treten im Rheinland wie in Westfalen immer in derselben Spielzeit auf.

Die bedeutendsten Aufführungen des Karnevals als fünfte Jahreszeit finden sich hierzulande in katholischen Regionen Westfalens und des Rheinlands. Zur Rolle des Jecken gehört immer auch die Kritik an der jeweiligen Obrigkeit, gerade in Köln im 19. Jahrhundert als Karikatur und Verballhornung der Preußen und ihres militärischen Gebarens.

Trotz Unterschieden in Mentalität und Ausgelassenheit ist der Karneval ein verbindendes Element zwischen Rheinländern und Westfalen und allerorten ein sicherer Erfolgsgarant für Feierwütige. Jahr für Jahr lachen, tanzen und singen beide unter einer Kappe – zumindest versucht der nordrhein-westfälische Landessender WDR diesen Eindruck zu vermitteln. Fehlbesetzungen soll es gelegentlich auch geben. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.


© gemeinfrei

Kiepenkerl (Hauptrolle)


Lebensdaten: damals – heute
Geburtsort: Westfalen und Niederrhein
Nationalität: Westfale
Gelernter Beruf: Händler
Rollen: Händler, Bote, wandelnde Litfaßsäule

Der Kiepenkerl brilliert mit seinen Auftritten in kleinen wie großen Orten und Lokalen. Seine Paraderolle ist die des umherziehenden Händlers, der in den ländlichen Regionen nicht nur Westfalens seine Kunden in den Städten und Dörfern mit frischen Waren wie Eiern, Milch und Geflügel versorgt. Wichtigste Requisite ist sein Korb auf dem Rücken, die Kiepe, mit der er vor der Erfindung von Lieferdiensten zu Fuß durch das Land wandert. In Westfalen und am Niederrhein wird er von seinem Publikum geschätzt und tritt dabei gleichzeitig in weiteren Rollen auf, zum Beispiel als Bote und Nachrichtenquelle.

Zu seiner Ausstattung gehören im 19. Jahrhundert eine charakteristische Tracht mit Kittel, Holzschuhen, Schirmmütze, Pfeife und Wanderstock. Zu der Zeit, in der sich das rheinische-westfälische Industriegebiet rasant entwickelt, verliert er den Anschluss an die Konkurrenz: Neue Versorgungswege und -strukturen machen ihn allmählich überflüssig.

Dennoch bleiben die Auftritte des Kiepenkerls unvergessen, an vielen Orten werden ihm zu Ehren Denkmäler errichtet, wie im Jahr 1896 in Münster. Dieses überlebt zwar die Bombenangriffe der Alliierten auf die Stadt, wird aber beim Einmarsch der Amerikaner durch einen Panzer zerstört. Heute hat der Kiepenkerl Kultstatus und bekommt immer noch Gastauftritte im Münsterland als Museums- oder Stadtführer. Früher war es mit dem Ruhm allerdings oft nicht so weit her: Seine historischen Vorläufer galten als fahrendes Volk und wurden dementsprechend eher geringeschätzt.


© Mönsterlänner Kiepenkiärls, Meerschke un Tüötten e.V.